Montag 13.02.2012

         

Alles wird gut


Zum Glück gibt’s die Täuschung, was hätten wir sonst? Und was wäre eine bessere Täuschung als das Bild auf der Leinwand. Die nicht-existente Welt, der Traum, die Utopie. Und davon, sowie einer ordentlichen Portion Schwermut, bekommt ihr jetzt mehr als genug: Die heutigen Filme zeigen euch böse Mädchen, eine erfrischende Dokumentation über Homosexualität in einem Land, das es nicht mehr gibt, schrille Liebe in Singapur und eine Komödie über die erste Gay-Pride in Belgrad. Aber auch Filme über Menschen, die von der Gesellschaft ausgestoßene wurden, Jugendliche, die in ihrer inneren Obdachlosigkeit verloren sind, Festival Veranstalter, die gegen ihre Unterdrückung kämpfen müssen und einen Film über die erste Gay-Pride in Belgrad, bei der mehr als 100 Menschen verletzt wurden. - Die Täuschung sehen wir nur, wenn es auch die Enttäuschung gibt. Und die Enttäuschung ist dem Wort nach etwas Gutes, da sie uns von der Täuschung befreit…also, alles wird gut.


Teddy Jury 2012 im Interview

Im Interview mit Magnus Rosengarten stellt sich die diesjährige TEDDY JURY vor und berichtet von ihren bisherigen Festivaleindrücken.


 

Wild und unzüchtig


Danielas Gedanken sind wild und kreisen vor allem um Sex und ihr Bedürfnis nach Selbstentfaltung. Und Daniela lebt für ihren Blog. Hier spricht sie offen über alles, was sie bewegt. Im Elternhaus muss sie das heimlich tun, denn sie stammt aus einer Familie wohlhabender, strenggläubiger Evangelikaler. Weil Daniela doch einmal mit einem Jungen geschlafen hat, wird sie von der Schule verwiesen. Ihre Mutter versucht sie mit Zwangsmaßnahmen auf den rechten Glaubensweg zurückzubringen. Daniela will aber nicht länger auf Zärtlichkeit und sexuelle Erfüllung verzichten – und beginnt eine leidenschaftliche Liebesaffäre mit ihrer Freundin.

Experimentierfreudig wie seine Protagonistin und mit grellen Illustrationen versehen, lässt der Film JOVEN & ALOCADA lustvoll Gegensätze aufeinanderprallen.

Haus der Kulturen der Welt 1, 15.00 Uhr


Into the wild


Nach Verbüßung einer Haftstrafe lässt sich Francine in der nordamerikanischen Provinz nieder. In Aushilfsjobs versucht sie gesellschaftlich wieder Fuß zu fassen. Doch der erhoffte Halt droht ebenso zu scheitern wie ihre Versuche, Verbindungen zu Menschen in der Kleinstadt aufzubauen. Sicherheit findet Francine lediglich bei Tieren – eine Entwicklung, die sich als tragischer Irrweg erweist.
Brian M. Cassidys und Melanie Shatzkys Spielfilmdebüt FRANCINE konzentriert sich auf seine Titelfigur. Oscar-Preisträgerin Melissa Leo verdichtet die Sehnsüchte und Nöte der verstörten Protagonistin mit bemerkenswerter Präzision. Der Film findet eindrucksvolle Schauplätze, an denen die Protagonistin wie ein Satellit durch die Bahnen ihres Lebens kreist: losgelöst, einsam und letztlich zum Absturz verdammt.

CineStar 8, 16.30 Uhr


Schande! Schande! Schande!

Das Anti-Homosexualitäts-Gesetz, das religiöse Gruppen in Uganda durchzusetzen versuchen, verlangt den Freiheitsentzug für Homosexuelle und in „schweren Fällen“ sogar die Todesstrafe. In dem Land, in dem 95 Prozent der Bevölkerung die Kriminalisierung von Homosexualität befürworten, kämpft eine Gruppe queerer Aktivisten gegen dieses Gesetz. Hasserfüllt und sarkastisch äußern sich christliche Fanatiker im Film, einzig der Bischof Christopher Senyonjo stellt sich demonstrativ auf die Seite der Verfolgten und bietet ihnen Schutz vor Übergriffen.

Der Film CALL ME KUCHU beschreibt das Leben David Kato, des ersten öffentlich schwulen Aktivisten Ugandas, und seiner Mitstreiter. Es ist von ständiger Angst vor Angriffen geprägt, aber auch von Momenten des Glücks und des gemeinsamen Feierns. Ruhig beobachtend zeichnet der Film ein Bild extremer Homophobie, christlich-religiösen Fanatismus’ und einer gerade daraus erstarkenden LGTB-Gemeinschaft.

David Kato wurde Anfang 2011 in seiner Wohnung getötet. Bei der TEDDY GALA 2011 verurteilte Rosa von Praunheim diesen Mord mit den Worten "Schande! Schande! Schande!".

CineStar 7, 22.30 Uhr

La derniér metro


Ein Studio. Ein Mann und eine Frau. Auf der Leinwand bewegte Bilder, die er kommentiert, angespornt von ihren Fragen. Sämtliche Aufnahmen sind aus dem Fenster einer Wohnung entstanden, Blicke auf die Straße, auf die Hochbahn, den Kanal, in die Fenster gegenüberliegender Gebäude. Die Wohnung gehört dem Geliebten des Mannes.
Die Schauspielerin Éva Truffaut und der Filmemacher Vincent Dieutre unterhalten sich über die Liebe. Der Gesprächston ist gedämpft, fast flüsternd. Obwohl der filmische Blick aus dem Fenster gerichtet ist, geht es auch um das Dahinter. Simon, der Geliebte, sei ein Held für ihn gewesen, sagt Dieutre. Er spricht von ihm in der Vergangenheitsform, zärtlich und voller Achtung. Nur den Schlüssel für Simons Apartment an der Pariser Metrostation JAURÉS hat er nie besessen.

Delphi Filmpalast 16.30 Uhr

*franz.: Die letzte Metro. (Ein Film von François Truffaut, dem Vater von Éva Truffaut.)


On the road to find out


Der Road-Movie OLHE PRA MIM DE NOVO (LOOK AT ME AGAIN) entführt uns in die wilden, halb ausgetrockneten Weiten des brasilianischen Nordostens. Reisebegleiter ist Silvyo Luccio (Eigendefinition: „...wurde als Frau geboren, wurde zur Lesbe und ist jetzt ein Mann“), ein reflektierender Mensch im Prozess des Übergangs und des Wandels, der hier in seine religiös fundamentalistische, vorurteilstriefende, traditionelle Vergangenheit zurückkehrt.

Der Film ist das Porträt eines vitalen Menschen voller Widerstandskraft, der sich dem überständigen Geistertrio Hetero-Homo-Bisexualität aus dem Sexkatechismus entzogen hat und hoffnungsvoll auf der Suche nach neuen Wegen und Horizonten ist.

CineStar 7, 17.00 Uhr


Alles was ich habe sind Erinnerungen


UNTER MÄNNERN – SCHWUL IN DER DDR beschäftigt sich mit der Frage, wie Homosexualität im „real existierenden Sozialismus“ gelebt wurde und gelebt werden konnte. Wir begegnen sechs Männern, die zum Teil erstmals in aller Offenheit über ihre sozialen und intimen Erfahrungen sprechen.  Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. An einem Ende des Spektrums gibt es etwa den Frisör Frank Schäfer, ein listenreicher Individualist, am anderen Ende den Theologen Eduard Stapel, der ein DDR-weites Netz homosexueller Vereinigungen gründete und ins Visier der Staatssicherheit geriet.

All dies geschieht aus der Perspektive des Regisseurs Ringo Rösener, der zwar in der DDR geboren wurde, aber zu jung ist, um noch viel von ihr erlebt zu haben. Er begibt sich auf die Suche nach den Erinnerungen eines Landes, das es nicht mehr gibt.

Kino International, 17.00 Uhr


Peder*


Grenzüberschreitungen werden in PARADA zum komödiantischen Prinzip. Das wilde Spiel mit Klischees und Stereotypen wurde in Serbien und in den Nachbarländern zum überraschenden Publikumserfolg.

Hier verbinden lebensrettende Maßnahmen an einem Gangster-Pitbull zwei Welten, trifft Old-School-Machismo auf schwulen Einrichtungswahn, Homophobie auf exaltierte Geschlechterinszenierungen, hier bilden die alten Feinde – Serben, bosnische Muslime, Kosovo-Albaner und kroatische Kriegsveteranen – zusammen mit Schwulen-Aktivisten eine utopische Truppe. Gemeinsam wird man zum Himmelfahrtskommando auf Mission Impossible, will Nationalisten und Neonazi-Organisationen trotzen und dem erneuten Versuch einer Gay Pride Parade zum Erfolg verhelfen.

Friedrichstadtpalast, 17:30 Uhr

*Serbisch: Schwuchtel.


In the mood for love


Singapur zur Zeit des Vietnamkrieges und im Monsunregen. An der Bugis Street, dem Epizentrum des multisexuellen Nachtlebens und der entfesselten Libido, hat eine hedonistische, transidentische Clique das schräge Liebeshotel SinSin fest im Griff. Das Leben dieser wahrhaft polymorph-perversen Geschöpfe ist ausschließlich ihren Träumen, der Schönheit und dem Vergnügen verpflichtet. In dieses fröhlich-hysterische Tollhaus stolpert frisch vom Lande die 16jährige Lian, um ihre Arbeit als Mädchen für alles zu beginnen.
Regisseur Yonfan kehrt mit dem restaurierten Film BUGIS STREET von 1995 nach Berlin zurück. Opulent fotografiert und ausgestattet, ist er ein höchst vergnügliches Plädoyer für das Recht auf selbstbestimmtes Leben und Lieben.

CineStar Event Cinema, 19.30 Uhr


…aber die Liebe ist die größte unter ihnen


Die zierliche, agile Mutter Maria will sich in GLAUBE, LIEBE, TOD mit ihrem kranken, übergewichtigen Sohn Peter auf einem Hausboot erholen. Auf der Autofahrt zum Boot nehmen sie einen jungen Anhalter mit, der den ewigen Konflikt zwischen Mutter und Sohn aber nur vertieft und schnell wieder abgesetzt wird. An Bord des Hausbootes werden die Gebrechen des Sohnes endgültig zur Waffe der Mutter.Sein spätes Coming Out, ihre sentimentalen Erinnerungen an Hitler, und immer wieder Streit, aber auch Küsse, werden jäh gestoppt, als der Motor des Bootes ausfällt. Manövrierunfähig und voller Panik entdecken sie einen blinden Passagier an Bord. Während Peter Interesse an dem Fremden zeigt, fürchtet die Mutter um Werte und Kultur der Heimat.

Peter Kern rechnet in seinem Film mit dem angeblichen Kampf der Kulturen und der Unfähigkeit zu lieben ab.

Kino International, 20.00 Uhr
 

Metaphysische Obdachlosigkeit*


L’ÂGE ATOMIQUE folgt einer vergnügungssüchtig begonnenen Reise ins Pariser Nachtleben, die im Morgengrauen in einem entfernten Wäldchen mit Ernüchterung und Verlorenheit endet. Was suchen Victor und Rainer, die nachts mit dem Zug in ein klaustrophobisch wirkendes Pariser Zentrum fahren? Das künstliche Paradies eines Nachtklubs, Amüsement, Sex, Drogen, aber auch Vergessen.

Wir folgen den beiden Freunden bei ihrem Gang durch die Nacht, der sich durch schwule Gesten und anhaltenden Augenkontakt immer stärker mit unausgesprochener Erotik auflädt. Dabei gibt die Regisseurin Héléna Klotz nicht vor, ihre Charaktere ganz zu verstehen – es bleibt immer etwas Fundamentales und Geheimnisvolles, das sich uns entzieht, aber uns einlädt, Dinge und Menschen genauer zu betrachten.
 
CinemaxX 7, 21.30 Uhr
 

* Nietzsche, Lukács und drei anderen gefällt das.


Gender-Guerilla


2001 gründeten drei Studenten der Peking University in Beijing das erste schwul-lesbische Filmfestival, von dem WO MEN DE GU SHI (OUR STORY) berichtet. Zu jeder der fünf Festivalausgaben wurden dem Team von offiziellen Stellen Steine in den Weg gelegt, neue Veranstaltungsorte mussten, oft auch kurzfristig, gefunden werden. Um die Zensurbehörden zu verwirren, änderte das Festival in jeder Edition seinen Namen, und inzwischen sind die Organisatoren erfahren in diversen „Guerilla“-Taktiken.
 
CineStar Event Cinema, 22.00 Uhr


VERANSTALTUNGEN

 

Zwischen den Orten


ROAD MOVIE nimmt das Leben im heutigen Palästina in den Blick, wo die Bewohner_innen der Westbank tagtäglich mit einem segregierten und unmöglichen Straßennetz konfrontiert sind. Die Akteure des Films, von palästinensischen Taxi- und Krankenwagenfahrer_innen über israelische Siedler_innen bis hin zu Menschenrechtsaktivist_innen, ermöglichen einen einzigartigen und ungewöhnlichen Einblick in das Schicksal dieses Landes. Die Installation evoziert die Sperrmauer, die Palästina umzäunt und zeigt dabei faszinierende und intensive Bilder.
 
Gutschow-Haus, 11.00-20.00 Uhr

Eine Welt nur für uns


Die Videomontage A WORLD OF OUR OWN verwebt die Geschichten verschiedener Cosmo-Figuren, Entdeckerinnen bekannter und unbekannter Welten, wahre und erfundene Freiheitskämpferinnen aus verschiedenen Zeiten und Orten, die sich für eine gemeinsame Zukunftsmission im größten Finanzzentrum der Welt treffen. Die Montage verschiedener Elemente verknüpft die Figuren quer durch Zeit und Raum. Die Arbeit adressiert aktuelle politische Kämpfe und feministische Vermächtnisse, die Vergangenheit sickert ein in die Gegenwart und ermöglicht eine andere Zukunft.

 
Kunstsäle Berlin, 11.00-20.00 Uhr


Der kleine Bauchredner aus Kanada


Beuys hatte seine Uniform, Warhol seinen Siebdruck, Steve Reinke hat seine Stimme. Sie ist eine Art Erkennungsmerkmal, ein Kostüm zur Maskierung der Persönlichkeit; noch wichtiger: sie garantiert Vergnügen.“ Mike Hoolboom.

THE TINY VENTRILOQUIST ist eine Sammlung kürzerer Arbeiten. In diesen Arbeiten erprobt Reinke eine Reihe verschiedener Stimmen, Standpunkte, Geschichten und Ideologien, und verwirft sie schließlich allesamt. Stilistisch bewegen sich die Videos zwischen Animation, Homemovie, Tagebuch- und Found Footage-Film. Das Bindeglied zwischen diesen disparaten Ansätzen ist Reinke selbst, der stets als hintergründig-humorvoller Erzähler fungiert..

Botschaft von Kanada, 12.00-18.00 Uhr

 
 
 



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